Du hältst deinen Atem an.

Sekunden

Minuten

verstreichen, bevor dir bewusst wird, dass kein Sauerstoff in deine Lungen gelangt.

So erlebt man Schock. Geradeeben noch was das Leben ein Kinderspiel und plötzlich wirst du durch eine Tür gedrängt und dein Leben wird nie wieder das Gleiche sein.

                                          Abigail

                                          Abigail

Jemand, den du liebst, wird mit Krebs diagnostiziert. Das sollte eigentlich nicht passieren. Nicht jungen Leuten. Nicht uns. Wir haben doch alles richtig gemacht, oder?! Diese Gedanken kreisen dir durch den Kopf und du fällst, tiefer und tiefer und jeder noch so unlogische Gedanke begleitet dich auf deinem Fall.

Ich wurde mit Diffusem Großzelligem B-Zell Lymphom diagnostiziert. Ganz schnell und ganz plötzlich, nur wenige Monate nach meinem 30. Geburtstag. Ich war stark, unabhängig und gesund. Meine Familie und Freunde mussten zusehen, wie ich über Nacht zu einem Skelett atrophierte. Ich verlor meine gesamte Körpermotorik, einschließlich der Bewegung meiner Augen.

Mein Zustand im Krankenhaus wurde folgendermaßen beschrieben: Sie ist die krankste Person in diesem Krankenhaus.

Meine Familie. Meine Freunde. Meine Kollegen. Wir alle hatten uns ein Leben aufgebaut, das Sinn machte. Eine Sammlung unserer schlimmsten und besten Erfahrungen. Innerhalb von drei Wochen schien sich mein Gesundheitszustand wellenartig auf alle Leute, mit denen ich Kontakt hatte, auszubreiten, was, wie ich nun fundamental verstehe, zum vollständigen Verlust von Kontrolle und Bedeutung führte.

Ich selbst fühlte mich völlig irrational schuldig. Ich war jung. Wovon hatte ich mich ernährt? Was habe ich meinem Körper ausgesetzt? Welches traumatische Erlebnis habe ich nicht richtig verarbeitet? Das nun jeder, den ich liebe, leidet. Der Wunsch zu „reparieren“ wird allgegenwärtig. Und wie kann man das abstellen? Es ist eine ganz normale menschliche Reaktion, alles zu versuchen, was in der eigenen Macht steht, um eine schlechte Situation zu verbessern. Aber Krebs hat keine einfache Lösung. Und der Versuch, zu „reparieren“ hilft nie.

Stille hat mir sehr geholfen. Die Erlaubnis, still zu sein. Dass keine witzigen Bemerkungen oder die richtigen Antworten von mir erwartet wurden. Dass ich meine Augen einfach zumachen konnte, wenn mein Körper völlig erschöpft war. Und die Gewissheit, dass dies niemanden stört.

Es ist nicht einfach. Es ist nicht fair. Es ist nicht glorreich.

Es ist schwer. Es flößt Angst ein. Es ist überwältigend. Es ist die Schwelle zur Mehrdeutigkeit.

Und das ist ok. Du wirst es schaffen. Du wirst durchhalten. Ich habe keine einfache Lösung, mit der alles besser wird. Jemand hat mir vor kurzem gesagt, dass ich Zeit und Freiraum brauche, um das gesamte Ausmaß einer Krebsdiagnose zu verarbeiten. Zeit und Freiraum. Konzentriere dich auf die einfachen Sachen im Leben:

„Essen. Atmen. Schlafen“. Aber im Moment atme einfach tief durch.

In Liebe

Abigail